In einer Gegenwart, die durch multiple Krisen, globale Ungleichheiten sowie Angriffe auf Wissenschaft und Bildung geprägt ist, gewinnen Fragen nach Bildungszielen und Zukunftsorientierungen neue Dringlichkeit. Zukunftsbilder erscheinen zunehmend kontingent, unsicher oder gar umkämpft und sind zugleich unverzichtbar für pädagogisches Handeln. In verschiedenen Lebensbereichen werde ein Mangel an Lust auf Zukunft beobachtet (Heidenreich 2023, 12, 16). Es ist daher für kunstpädagogisches/kunstdidaktisches Denken und Handeln notwendig, Vorstellungen, Konzeptionen und Fragestellungen im Hinblick auf Zukünfte zu schärfen: Auf welche Zukünfte, auf welche Utopien eines guten, gerechten und gelingenden Lebens hin soll und kann Kunstpädagogik Bildung initiieren (vgl. Adorno/Bloch 1964)? Wie ist es um eine ethische Dimension der Horizonte kunstpädagogischer Theorie von Bildung beschaffen? Welche Konzeptionen, Spekulationen und Grundierungen, können kunstpädagogisches Denken und Handeln leiten? Welche normativen Setzungen strukturieren kunstpädagogische Praxis als eine „Vermittlung im Noch-Nicht” (Hausmann 2024, 97) und wie lassen sich diese kritisch reflektieren, situieren oder verschieben? Welche subversiven Interventionen des What’s Next (Meyer/Kolb 2015) prägen den kunstpädagogischen Diskurs bereits? Und wie kann ein kunstpädagogischer Beitrag aussehen, um aus der „auf uns zurollenden Zukunft eine gestaltete Zukunft zu machen” (Heidenreich 2023, 22)?
Mit Blick auf Fragen der ungleichen Verteilung von Zukunft – etwa aus dekolonialen, machtkritischen oder gendersensiblen Perspektiven – rückt die Tagung soziale, globale und epistemische Dimension von Zukunftsfähigkeit in den Fokus: Zum einen ist hier kritisch zu fragen, welche dominanten und hegemonialen Zukunftsvisionen sich in kunstpädagogischen Konzepten und Bildungszielen zeigen und welche alternativen oder minoritären Zukunftsvisionen neue Perspektiven schaffen und verhandeln. Zum anderen wenden sich die Künste und die Kunstpädagogik unter post- und dekolonialen Vorzeichen den ‚widerspenstigen‘ und sich-entziehenden Anteilen des Zukünftigen zu („ethics of possibility“, Appadurai 2013), also solchen Zukunftsahnungen, welche sich nicht durch berechnende Zukunftsforschung oder Statistiken in ihrer Wahrscheinlichkeit vorhersagen oder plausibilisieren lassen. Wie können diese möglichen, erahnbaren und widerständigen Zukünfte eine neuartige, gestaltende und emanzipatorische Zukunftsfähigkeit nähren? Kritisch soll auch gefragt werden, welche Zukunftsbilder implizit in Kompetenzmodellen und Future Skills eingeschrieben sind (vgl. Scherrer/Obex 2023)? Ein zentrales Interesse gilt dem spezifischen Spekulations- und Transformationspotenzial der Künste. Als ästhetische Praxis eröffnen sie Räume der Antizipation, in denen alternative Wirklichkeiten entworfen und erprobt werden können. Spekulation baut auf bestehende Muster auf und erweitert diese ins Unbekannte (Diez/Schafhausen 2024). Wie können wir kunstpädagogisch „üblichen Futuritäten” Gewissheiten entziehen, um Zukunft als Prozess, Vision, Abgrund und Kunstform (Terzić 2022) zu praktizieren? Inwiefern können die Künste sowohl als Werkzeuge und Methoden wie auch als Laboratorien der Erprobung und als Möglichkeitsräume für Innovation begriffen werden? Verstehen wir Zukünfte nicht als bloße Fortschreibung des Gegenwärtigen, sondern als offene Möglichkeitsräume zwischen wahrscheinlichen, möglichen und wünschbaren Zukünften, kann auch die verbreitete Annahme linearer Zeitlichkeit problematisiert werden. Vor dem Hintergrund ökonomisierter Bildungslogiken stellt sich die Frage nach Alternativen zur Leistungsorientierung und Vereinzelungstendenzen ebenso wie nach demokratiebildenden, transformativen und solidarischen Perspektiven kunstpädagogischer Praxis. Eine Bildung des Zukünftigen, welche auf Kollaborationen und Netzwerken sowie auf das Mit- und Voneinander-Lernen setzt, könnte transformatives Potenzial entfalten (Redecker 2020). Konzeptionen wie affiliative Solidaritäten (Bhabha 1994; 2017) oder unbedingte Solidaritäten (Susemichel/Kastner 2021) versuchen dies aufzugreifen und widmen sich unvorhersehbaren Zusammenschlüssen, in denen sich geteilte Utopien manifestieren.
Erbeten werden einschlägige theoretische, empirische, künstlerisch-forschende sowie praxisreflexive Beiträge, die sich mit Zukünften in Kunst, Medien und Bildung auseinandersetzen. Abstracts (ca. 3.000–4.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) mit kurzer biografischer Angabe werden bis zum 15.04.2026 erbeten an:
zukuenfte–bilden@uni-giessen.de
Wir freuen uns auf Einreichungen, die Zukunft als ästhetische, ethische und politische Aufgabe von Kunst, Medien und Bildung reflektieren und weiterdenken.
Malina Blümm, Prof. Dr. Stefanie Johns, Prof. Dr. Ansgar Schnurr, Dr. Jana Tiborra
Institut für Kunstpädagogik, Justus-Liebig-Universität Gießen

